Künstler

 

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Stefan Dietzel

Stefan Dietzel geht an die Wurzeln und zwar sowohl des Lebens als auch der Kunst. Als Mensch des 20. Jahrhunderts, geprägt von dessen Umbrüchen und Katastrophen, empfindet er das Leben als „brüchig“, wie er selber formuliert. Als Künstler stellt er sich die Frage, „ob „klassische“ Techniken der Malerei und Skulptur noch als Ausdrucksmittel für eben diese Brüchigkeit taugen?“

Die Antwort gibt Stefan Dietzel selbst durch seine Bilder und Objekte. Um es vorwegzunehmen: Die Kunst im Allgemeinen – und seine Kunst im besondern – kann immer noch Ängste bannen und eigene Realitäten schaffen, wie bei den Höhlenmenschen vor 20 000 Jahren. Der Unterschied ist nur, dass keine Übereinkunft mehr darüber besteht, was gebannt werden soll. Hier ist der Künstler der Moderne auf sich selbst gestellt und er ist darauf angewiesen, dass er Betrachter findet, die seine Sicht der Welt teilen. Wenn er für seine Botschaft die Mittel der bildenden Kunst benützt, dann ist die formale Qualität das entscheidende Kriterium. Nur wenn die Aussage des Brüchigen, Bedrohlichen durch die Gestaltungskraft des Künstlers geformt, sozusagen „überhöht“ wird, kann sie auch „bannen“.
Stefan Dietzel verwertet dafür nicht nur den formalen Kanon der klassischen Moderne,  sondern auch uralte Hoheitsformen aus der kirchlichen Kunst, wie etwa das Triptychon.

Selbstverständlich erschließt sich jede Kunst leichter, wenn der persönliche Hintergrund des Künstlers bekannt ist. Doch eigentlich muss jedes Werk so autonom sein, dass es der Betrachter aus seiner eigenen Vita interpretieren kann. Stefan Dietzel lenkt seine Botschaft zwar, indem er jedes Objekt mit einem Titel versieht, aber andrerseits gestaltet er Archetypen wie Mutterschaft, Leben, Tod und Mentekel, die einen weiten Horizont anreißen.

So gelingt es Stefan Dietzel in einer Entwicklung von fast 30 Jahren – in diesem Ausstellungskatalog sind Werke aus dem Zeitraum von 1983 bis 2012 abgebildet – die uralte Forderung der Renaissance zu erfüllen, dass Kunst nie gesehene geistige Welten sinnlich erfahrbar machen soll.

Text Dr. Helga Müller-Schnepper 2012, Kunsthistorikerin

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Kunst ist die Vergegenwärtigung, das Gegenteil der Verdrängung, nämlich die Aneignung und somit der Versuch der Beherrschbarkeit der Welt durch ihr Abbild. Seit den ersten Bildern des Homo Sapiens Sapiens an den Wänden ihrer Wohnhöhlen waren Höhe- und Wendepunkte ihrer Sippschaft Inhalt der Bilder. Ihre Angst vor der Übermacht des Tieres, vor Wetterkatastrophen, Krankheit und Hunger sind auch unsere BREAKING NEWS der globalen Bildermaschine, die wir täglich in unseren Wohnungen auf den Mattscheiben empfangen. "Globale und individuelle Beinahe-Katastrophen, verdrängte Endlichkeit individuellen und zivilisatorischen Seins...  Der Fundamentalkommerz überblendet zwar unsere Abgründe mit gleissenden Glücksversprechungen, schafft uns unsere vor Ängsten nur so strotzende Welt aber nicht vom Hals." so Stefan Dietzel. Die Fragestellung, wie heute wohl „Höhlenmalerei“ aussehen würde und der schmale Grad zwischen "Well-being" und "Desaster", das Taumeln einer vermeintlich heilen Welt vor dem Kippen ins Chaos faßt Stefan Dietzel in Bilder. 

Welche medialen Ausdrucksmittel aus der mehrtausendjährigen Geschichte der Bildproduktion taugen für „Höhlenbilder“ des JETZT? Stefan Dietzel verwendet Stilmittel aus allen Epochen der Kunstgeschichte: Klassische Lasurmalerei steht neben skizzenhaftem Schwarzweiss. Naturfunde neben Wohlstandskitsch. Die Himmelskonstruktionen Albrecht Altdorfers neben expressionistisch Unfertigem und LED-beleuchteten, archaischen Traumbildern. Weil es angesichts inflationärer Info- und Picture-Rates heutiger Bildmanipulation und dem über uns schwebenden Menetekel der BREAKING NEWS („Terrorgefahr") ein fertiges Bild heute nicht mehr geben kann, wirken die Motive oft wie ein zufälliges Standbild, wie ein Schnitt im Erleben.

In einer Welt, deren Orientierung und Standfestigkeit wankt, wirft Stefan Dietzel den Anker, um in tosender See und endlosem Gewitter der aktuellen Bilderstürme, um den Blick auf den Scherbenhaufen des Gestades Realität werfen. Die Scherben sind sein künstlerischer Fundus. Das aus ihnen zusammengesetzte neue Mosaik sein Ausdruck.

Text Heiko Daxl, Berlin 2011